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Das Armaturwerk Fortschau -
Wiege der frühindustriellen Waffenfertigung in Bayern


 

"... und die es gewiss in der gleichen Arbeit mit allen Meistern und Fabriquen von der Art in Teutschland aufnehmen ..." Dieses Kompliment machte vor gut 200 Jahren Ingenieur und Major Johann Carl Pigenot den Büchsenmachern aus Kemnath und Fortschau, als er auf Befehl des Kurfürsten eine Inspektion vor Ort durchführte.

Er war verblüfft von der Leistung der Handwerker, die unter ungünstigen Umständen für das kurfürstliche Armaturwerk arbeiten mussten und doch Vorderladergewehre herstellten, an denen "weder an Güte noch an Schönheit etwas ausgesetzt werden könne".

Mehr als 100 Jahre lang wurde die baierische Armee mit Vorderladergewehren aus dem Armaturwerk (Gewehrmanufaktur) Fortschau bei Kemnath beliefert, und auch nach der Auflösung des Werkes im Jahre 1801 waren die Gewehre der Kemnather Büchsenmacher berühmt.

Gründer der "Gewehrfabrik" in Fortschau war Maximilian II. (Max) Emanuel, baierischer Kurfürst von 1679 bis 1726, der wohl kriegerischste baierische Herrscher, der seinem Land große Triumphe, aber noch größere Niederlagen und Notzeiten bescherte. Um bei der Ausstattung seines stehenden Heeres mit Handfeuerwaffen vom Ausland unabhängig zu werden, betrieb er den Aufbau eines Armaturwerkes.

Das für die Gewehre benötigte Eisen gab es in der Oberpfalz reichlich. Hier besaß der Kurfürst auch bei Fichtelberg das Hüttenwerk Gottesgab, bei dem Erz aus eigenen Gruben eingeschmolzen und in verschiedenen Hammerwerken verarbeitet wurde. Was lag näher, als die zu errichtende "Armaturfabrica" in Fichtelberg einzurichten. Doch auf Betreiben des ersten kurfürstlichen Verwalters des Fichtelberger Berg- und Hüttenwerkes, Thomas Macolini, der auch Landrichter des Amtes Waldeck-Kemnath war, wurde der ehemalige Blechhammer Fortschau zum Zentrum der neuen Gewehrfabrikationsstätte. Fortschau lag verkehrsgünstiger als das abgelegene Fichtelberg, und auch die Wasserversorgung erwies sich als ergiebiger.

1689 begann man mit der Errichtung der Werkstätten. Wie damals häufig der Fall, wurden die Fabrikationsstätten nicht an einem Ort, sondern mehrere Werkstätten an verschiedenen Orten angelegt: in Fortschau, Fichtelberg, Mitterlind, Unterlind, Kaibitz und Ebnath. So verteilte sich das Armaturwerk auf sechs verschiedene Orte in einem Umkreis von etwa 25 Kilometern, wo bereits Werke mit Wasserkraft zur Eisenbearbeitung bestanden. Man brauchte diese Anlagen nur für den neuen Verwendungszweck umzurüsten.

Das Werk wurde bald nach der Gründung "Armaturwerk Fortschau" genannt, weil sich hier die meisten Büchsenmacherwerkstätten befanden. Auch der kurfürstliche Verwalter, meistens der Landrichter des Landrichteramtes Kemnath, übte in Fortschau seine Überwachungsfunktion aus.
 

Waffenmanufaktur Fortschau

Der Gebäudekomplex des Armaturwerkes Fortschau im 18. Jahrhundert.
Die meisten Gebäude stehen - wenn auch mehr oder minder stark umgebaut - heute noch;
lediglich das "Hammerschlösschen" (im Hintergrund, mit Türmchen)
wurde 1970 abgerissen.
Zeichnung von Gottlieb Scharff.


Am Anfang herrschte nun ein großer Mangel an Büchsenmachern. Man hatte dem Kurfürsten versprochen, jährlich 15.000 Gewehre zu liefern. So wurden Fachleute aus Suhl an das neue Werk geholt. Man vergab aber auch Aufträge für Büchsenmacherarbeiten in einem weiten Umkreis um das Werk herum. Büchsenmacher aus Kemnath, Pressath, Falkenberg, Tirschenreuth, Bärnau, Kirchenthumbach, Auerbach und Amberg bekamen vom Armaturwerk Aufträge, wozu man ihnen Teile und Materialien von Fichtelberg bzw. Fortschau lieferte. Fuhrleute aus Kemnath und Umgebung konnten gegen Entgelt die Transporte übernehmen.

Eine besondere Rolle spielten die Kemnather Büchsenmacher. Hier sind vor allem Hans Griebel und Gottfried Rath zu nennen. Der Letztgenannte hatte im Jahre 1690 bereits 20 Gesellen beschäftigt.

Im Werk Fortschau selbst legte man besonderen Wert auf eine eigene Ausbildung von Lehrjungen im Büchsenmacher- und Schäfterhandwerk. Lehrlinge mussten kein Lehrgeld an den Meister zahlen, das Werk übernahm diese Kosten. Man wollte ja die angeworbenen "ausländischen" Meister aus Suhl allmählich durch eigene Büchsenmacher ersetzen, die in der Lage waren, die neuen Steinschlossgewehre zu fertigen. Tatsächlich wurden die noch üblichen Luntenschlossmusketen zunächst hauptsächlich von den heimischen Büchsenmachern angefertigt, während sich vorerst nur die Suhler Meister im Werk mit der Produktion der "modernen" Steinschlossvorderlader beschäftigten.

Die fertigen Gewehre wurden an die Zeughäuser (Waffenlager des Heeres) München, Ingolstadt und Amberg geliefert, wobei die Kemnather Fuhrleute wieder den Transport zu übernehmen hatten.

Vorher mussten die Waffen aber auf ihre Gebrauchstüchtigkeit geprüft werden. Dies war Aufgabe des Beschaumeisters, eines besonders tüchtigen Büchsenmachermeisters.
 

Büchsenmacher im 17. Jahrhundert

Büchsenmacher im ausgehenden 17. Jahrhundert
bei der Bearbeitung eines Gewehrlaufes.
Aus dem Werk "Abbildung der gemeinnützlichen Landstände" (1698)
von Christoph Weigel.


Da der Kurfürst ständig Geldsorgen hatte, bezahlten die kurfürstlichen Stellen auch nur sehr schleppend die angelieferten Gewehre. Dies und die Unfähigkeit des Fortschauer Werkes, in ausreichender Menge die hochwertigen Steinschlossgewehre zu liefern, führten schließlich in eine ernste Krise. Nicht ganz unbeteiligt daran waren auch die Fichtelberger. Sie trugen unablässig dazu bei, den Ruf des Fortschauer Werkes zu untergraben, da Fichtelberg mehr oder minder zum Zulieferbetrieb des Hauptwerkes abgestuft worden war. Das Bergamt in Fichtelberg hatte nämlich vom Kurfürsten den strikten Befehl, das Werk in Fortschau stets mit dem notwendigen Eisen zu versorgen.

Da Anzahl und Qualität der Gewehre nicht zuletzt wegen des Fichtelberger Eisens abnahmen, kam es 1699 zu einer kurfürstlichen Untersuchung von Fortschau, die ausgerechnet dem Bergamtmann von Fichtelberg übertragen wurde. Er wollte immer schon das Armaturwerk nach Fichtelberg verlegen, weil dort die Materialien vorhanden waren. Das Resultat dieser "unparteiischen" Untersuchung war die vorübergehende Stillegung des Fortschauer Werkes. Der Kemnather Landrichteramtsverwalter begann sogar, das noch vorhandene Werkzeug zu verkaufen. Doch kam es nicht zu der Verlegung der Gewehrmanufaktur nach Fichtelberg.

1702/1703, in der Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges, erinnerte man sich in München an Fortschau. Unter strengerer Verwaltung sollten wieder Waffen produziert werden, die man jetzt dringend benötigte. Aber schon 1703 besetzten die Österreicher die Oberpfalz, und der Betrieb ruhte erneut.

Erst nach dem Friedensschluss 1714, als der Kurfürst in sein Land zurückkehren konnte, begann man mit der Wiedererrichtung der Waffenfertigungsstätte in Fortschau. Der "Armaturinspektor" Casimir von Haberland leitete mit Umsicht und glücklicher Hand den Wiederaufbau, mit der eine Rationalisierung des Betriebes einherging. Diese führte zur Auflassung der Werkstätten in Kaibitz und Mitterlind. Zugleich wurden neue Büchsenmacher aus Arzberg und Wunsiedel gewonnen.

Die Produktion lief - kurz skizziert - wie folgt ab:

1. Herstellung des Eisens am Hüttenwerk Gottesgab in Fichtelberg.
2. Zuteilung der Büchsenmachereisen an die Büchsenmacher und Zuteilung der Rohrplatten an die Rohrschmiede.
3. Anfertigung der Schlösser durch die Büchsenmacher.
4. Anfertigung der Rohre durch die Rohrschmiede.
5. Bohren der Rohre durch die Bohrer.
6. Schleifen der fertig geschmiedeten Rohre durch die Schleifer.
7. Anfertigen der Schäfte und Zusammensetzen der Gewehre durch die Büchsenmacher und Schäfter.
8. Anfertigung der Riemen durch Sattler.
9. Überprüfung der fertigen Gewehre durch die Beschaumeister.

Alle Waffen wurden mit dem Zeichen "A=FORTSCHAU" versehen und an die kurfürstlichen Zeughäuser geliefert.
 

Signatur des Armaturwerkes Fortschau

Schloss eines altbayerischen Militär-Infanteriegewehres (nach 1769)
mit Marke "A=FORTSCHAU".
Photo: Rainer Sollfrank.


Kompetenzgerangel zwischen Armaturinspektoren und Landrichtern und mangelnde Überwachung trugen entscheidend zum neuerlichen Niedergang des Fortschauer Werkes bei. Der Hofkriegsrat griff 1753 ein, um die Mängel an den Waffen aus dem Fortschauer Werk zu beseitigen. Durch eine Reorganisation trat auch eine deutliche Qualitätsverbesserung der Gewehre ein, doch konnte das Werk die notwendige Produktionssteigerung nicht erreichen.

Unter dem Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz erhielt das Fortschauer Armaturwerk zunächst keine Aufträge, da die Kaliber der pfälzischen und baierischen Armee einander angeglichen werden sollten. Die Büchsenmacher waren mit Instandsetzungsarbeiten nur mehr oder weniger ausgelastet, bis ab 1783 wieder regelmäßige Aufträge zur Herstellung neuer Gewehre ergingen.

1787 erstellte der Ingenieur Major Johann Carl Pigenot einen Inspektionsbericht über das Werk Fortschau. Dieser zeichnet ein trostloses Bild vom Zustand des Werkes. Umso mehr wundert es den Berichterstatter, dass die Meister Gewehre fertigten, die es sehr wohl mit jeder Konkurrenz in Deutschland aufnehmen könnten. Er befürwortete denn auch das Gesuch der Meister um ausreichende Beschäftigung.

Mit der Büchsenmacherfamilie Zigoni (Cigoni), aus der auch Armaturinspektoren hervorgingen, kam es wieder zu einer kurzen Blüte der Kemnather und Fortschauer Büchsenmacherkunst. Doch Anfang der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts blieben erneut die Aufträge aus München aus. Man beabsichtigte eine Neuregelung der Waffenproduktion und die Fertigung neuer Waffenmodelle. Eine neue Gewehrfabrik sollte in München entstehen. Den Fortschauer Meistern wurde die Übernahme angeboten. Wer nicht nach München ziehen wollte, sollte nur noch einzelne Gewehrteile liefern dürfen. Doch stieß der Plan auf den Widerstand sowohl der Fortschauer Meister als auch des Münchener Magistrats, so dass der Plan einer neuen Fabrikationsstätte 1793 fallen gelassen wurde. Stattdessen wurde Fortschau angesichts des Krieges gegen Frankreich noch einmal hergerichtet. 1799 wurde das Werk unter militärische Aufsicht gestellt, was zur Folge hatte, dass die Büchsenmachermeister vollständig dem Willen und der Willkür der Offiziere unterworfen wurden. Dies führte zu Unruhen im Armaturwerk. Der Armaturinspektor Johann Michael Zigoni wurde abgesetzt und ein Offizier an seine Stelle gesetzt. General Manson beklagte in einem Inspektionsbericht vor allem das Verhalten der Büchsenmachermeister, die sich sehr selbstbewusst verhielten und nicht bereit waren, sich der militärischen Leitung des Werkes unterzuordnen. Die Meister im Werk Fortschau sollten sogar in Uniform gesteckt werden, damit sie leichter zu gehorchen lernten.

1801 wurde das Fortschauer Werk aufgelöst und in Amberg eine neue Gewehrfabrik errichtet, die aber in den ersten Jahren weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Nun mussten wieder die Fortschauer Waffenmeister aushelfen. Von Kemnath aus lieferte man noch bis 1814 Gewehre an die Zeughäuser. Nach der napoléonischen Ära mit ihren langandauernden Kriegen blieben allerdings nur noch wenige Büchsenmacher in Fortschau und Kemnath, wo sie Jagdgewehre anfertigten.

Obwohl in Fortschau und Kemnath oft bis zu 3.000 Gewehre jährlich angefertigt und ausgeliefert wurden, sind heute nur ganz wenige erhalten. Im Heimat- und Handfeuerwaffenmuseum Kemnath können etliche dieser Raritäten bestaunt werden. Sie legen Zeugnis davon ab, dass Major Pigenot recht hatte: Weder an Güte noch an Schönheit kann an den Gewehren etwas ausgesetzt werden.
 

Gerhard Schultes

Literaturhinweis: Dirk Götschmann, Das Armaturwerk Fortschau (1689-1801). Geschichte eines kurfürstlichen Unternehmens in der Oberpfalz, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg 119 (1979), S. 77-136.
Weitere Beiträge von Josef Leypold und Dr. Dirk Götschmann über das Armaturwerk Fortschau und seine Erzeugnisse sind in der Chronik des Heimat- und Handfeuerwaffenmuseums Kemnath in chronologischer Reihenfolge verzeichnet.
 
 

* Übrigens:



Hauptgebäude des Armaturwerkes heute

Das Hauptgebäude des Armaturwerkes Fortschau heute.
Photo: bjp.




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