Zur Übersicht

Was ist richtig,
was ist falsch?
Gedanken über die Zukunft eines kleinen Regionalmuseums


 

Der eine läuft im November im nasskalten Wetter stundenlang und auch tagelang mit lehmschweren Schuhen über die Äcker, durchgekühlt, mit triefender Nase. Sein Blick gilt aber nicht der Schönheit der herbstlichen Landschaft, sein Blick schweift suchend über den Boden. Generalstabsmäßig sucht er sich Plätze aus. Südhang, windgeschützt, in der Nähe ein Wasserlauf. Doch was sucht er? Rastplätze durchziehender Steinzeitjäger, die hier vor Tausenden von Jahren unsere Gegend streiften oder Siedlungen angelegt haben.

Nur in der kalten Jahreszeit, wenn die Fluren umgeackert sind, kann er fündig werden. Doch dann! Die Mühen haben sich gelohnt. Ein Abschlag, eine Pfeilspitze, eine bearbeitete Steinklinge. Ein Werkzeug, das in früher Zeit ein steinzeitlicher Jäger vielleicht beim Zerlegen eines Wildbrets das letzte Mal in der Hand hatte. Glücklich, weil sich die tagelange Jagd mit Pfeil und Bogen gelohnt hatte, Frau und Kinder endlich nicht mehr Hunger leiden mussten.

Unser Heimatfreund geht mit leuchtenden Augen nach Hause, den kleinen Fund wie einen Schatz in der Hand haltend, in dem Bewusstsein, dass unser Heimatgebiet kein weißer Fleck auf der frühgeschichtlichen Landkarte mehr ist. Alle Mühen sind vergessen!

Der andere sitzt Tag für Tag über uralten Dokumenten und Schriftstücken, obwohl ihm von der anstrengenden Lese- und Schreibarbeit die Augen tränen. Aktenschriften, die vor zwei- bis dreihundert Jahren ein unbekannter Schreiber mit steiler Schrift und mit Feder und Tinte akkurat, oder manchmal auch flüchtig, in der Sprache der damaligen Zeit zu Papier gebracht hat. Sie erzählen von Geburten, Heiraten, Sterben, von Verkäufen, Verbrechen, von der Pest, von Bränden und Kriegen. Das Entziffern macht Mühe, aber er ist einer der wenigen, die die jahrhundertealten Schriften noch umsetzen und fließend lesen können.

Wochen vergehen, bis das damals Geschriebene in unsere heutige Schrift und Satzstellung, für jeden lesbar, gebracht ist: manchmal Belangloses, aber auch manches Interessante, Neue, Überraschende, das er freudig an interessierte Menschen weitergibt. Geschichten aus vergangenen Zeiten ziehen vorbei vor unserem geistigen Auge. Geschichte und zugleich wertvolle Dokumentation der Vergangenheit unserer Heimat. Geschichte greifbar nah!

Wieder ein anderer nimmt das Sprichwort, dass Menschen schon immer Sammler und Jäger waren, auf einem anderen Gebiet wörtlich. Seit Jahrzehnten pirscht er auf kleinen und großen Sammlertreffen und Sammlerbörsen im In- und Ausland, spricht Landwirte und Besitzer alter Häuser an. Alte Waffen, Überbleibsel aus kriegerischen Zeiten des 18. und 19. Jahrhunderts, zu sammeln, das ist seine Leidenschaft.

Gewehre und Pistolen, vielleicht vergessen und verstaubt auf irgendeinem Speicher, oder aber gut gepflegt in Sammlerhand. Er geht Gerüchten nach: "Ja, da war mal ein Gewehr, so vor fünf oder vor zehn Jahren!" Oft kommt er zu spät. Ein älterer Kemnather Bürger erzählt, dass der alte Herr Kleinhempl bei besonderen Gelegenheiten ein altes Gewehr, das in der Schlacht bei Kastl 1796 benutzt worden war, vom Dachboden holte, mit den Fingern den Staub von der Schlossplatte wischte und dann der Name der ehemaligen Gewehrfabrik Fortschau zu erkennen war. Doch: wo ist es hingekommen, wo ist es geblieben?
 

Waffenmanufaktur Fortschau

Der Gebäudekomplex des Armaturwerkes Fortschau im 18. Jahrhundert.
Zeichnung von Gottlieb Scharff.


Fortschau, ein Armaturwerk zur Herstellung von Handwaffen, das vielen Kemnathern über Generationen Lohn und Brot sicherte. Auch das ist Legende. Greifbar sind die Waffen Kemnather Büchsenmacher, die im Laufe von mehr als 20 Jahren mit viel Glück, Sachverstand und Einsatz Stück für Stück zusammengetragen wurden. Doch welche Geschichten stecken dahinter, wenn in einer alten Ausgabe des "Kemnather Heimatboten" berichtet wird: "... im Raum Köln fündig geworden", oder "Dachbodenfund aus Riesa", oder "fünfzehn Jahre hinterher", oder "Auf einer Börse in Kalifornien", oder "Aus einem Bündel alter Waffen aus Böhmen"?

Der "gewisse Blick", das seltene Exponat zu erkennen, auch wenn "Fortschau" oder "Kemnath" nicht draufsteht. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Oft ging es fast um Sekunden, sonst wäre die gesuchte Waffe schon wieder in der Versenkung verschwunden. Auch Hertnäckigkeit, Verhandlungsbereitschaft und Verhandlungsgeschick und viel, viel Zufall prägten die Jagd nach den guten alten Stücken. Das "gute Stück", das ein Kemnather Büchsenmachermeister Kugler, Bauer oder Bachmann vor gut 200 Jahren mit viel Fleiß und Mühe und mit unzulänglichen Werkzeugen hergestellt hat und damit doch eine für die damalige Zeit technisch vorzügliche und obendrein - soweit man das von einer Waffe sagen darf - schön anzusehende Jagd- oder Sportwaffe geschaffen hat.

Auch er musste über die Runden kommen, wenn das militärische Werk Fortschau monatelang stillstand, weil keine Aufträge vorlagen. Da stand er vielleicht vor der Ladentüre am Stadtplatz und wartete trotz starker Konkurrenz auf einen gut betuchten Kunden, der ein "Scheibenrohr", eine Büchse zum sportlichen Scheibenschießen im Hollenstein'schen Garten, beim Haage-Gassl, erwerben wollte. Das Schießen war ja Untertanenpflicht, Nichtteilnahme wurde mit Strafe belegt. Doch Schützenkönig zu sein bedeutete freien Brennholzbezug aus dem Stadtwald, Befreiung von Kesselgeld und natürlich Ansehen. Das Schießen und Treffen war also für den Schützen, den Bürger, wichtig, und damit auch die Qualität der Büchse. Und ein gutes Erzeugnis lobte seinen (Büchsenmacher-)Meister, der dadurch wieder Aufträge bekam.
 

Schloss einer Fortschauer Scheibenbüchse (um 1800).
Photo: bjp.


Ist wieder einmal ein unerwarteter Waffenfund geglückt, so läuft mir der Mund über, und ich kann gar nicht mehr aufhören, im Museum über die alten Handwerker zu berichten. Wenn dann noch ehemalige Kemnather sagen: "Fortschau - Waffenfabrik - noch nie gehört!" - und dann andächtig lauschen, dann sind alle Unannehmlichkeiten bei der Suche vergessen. Nimmt man dann das eine oder andere Gewehr in die hand, dann erzählt es seine eigene Geschichte. Geschichte zum Anfassen, hier wirklich greif- und begreifbar.

Dies und Ähnliches kann man in allen Heimatmuseen beobachten. Vielfältiges geschieht dort oft im Verborgenen. Frauen und Männer, die Stunde um Stunde ihrer Freizeit für die Allgemeinheit opfern, ihre Familie und ihren Geldbeutel nicht schonen. Oft belächelt, für überflüssig gehalten, als "Spinner" abgetan. Für sie mag es manchmal frustrierend sein, wenn ein Michael Schumacher die Massen vor den Bildschirm lockt, während sei allein am Sonntag im Museum ausharren. Da kommen auch Selbstzweifel auf, Fragen nach dem "Warum". Was ist richtig, was ist falsch, was lässt einen aushalten? Vielleicht der Auftrag, den nachwachsenden Generationen die Heimat begreifbar zu machen.

Die Jahre vergehen, die Menschen vergangener Zeiten sind längst vergessen. Durch ihre Überlieferung, sei es in Wort oder Werken, leben sie für uns weiter. Wider das Vergessen - ist das die Museumsarbeit? Nicht allein: Der Umgang und Kontakt mit Menschen, das Leuchten in ihren Augen, wenn sie alte Dinge plötzlich wiedererkennen und davon weitererzählen - das bereitet Freude und gibt der Arbeit Sinn und Richtung.

Geblieben sind die Mauern einer kleinen Stadt in der Oberen Pfalz, die mancher liebgewonnen hat, über die auch Gedichte verfasst worden sind. Diese Stadt, die man vielleicht liebt, weil man weiß, dass auch unsere Vorfahren ihr Leben hier gemeistert haben, obwohl es ihnen nicht immer leicht wurde, ihr Tagwerk zu verrichten. Ob als Steinzeitjäger in der feindlichen Natur oder als Handwerker oder Ackerbauern. Immer gab und gibzt es Höhen und Tiefen, Freud und Leid lagen und liegen nah beieinander. Doch fanden die Menschen auch immer Gelegenheit, Handwerkliche, geistige und künstlerische Fähigkeiten zu nutzen und aus ihrem Leben, wie es sich ihnen darbot, das Beste zu machen.

Gehen Sie einmal für eine stille Stunde in Ihr Heimatmuseum, lassen Sie den Geist der Zeit auf sich wirken. Nehmen Sie einen Hammer der alten Schmied-Wolf-Schmiede in die Hand, schlagen Sie ihn auf den Amboss. So wie vor Hunderten von Jahren die Menschen den kraftvollen Klang der Schmiedehämmer in Kemnath und Fortschau hörten, klingt es auch heute noch.

 

Josef Leypold


Museumsplakat von Rainer Sollfrank.




© Heimatkundlicher Arbeits- und Förderkreis Kemnath und Umgebung e. V. 2007.
eMail, Übersicht, Impressum.

Für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Angaben in unseren Seiten übernehmen der Heimatkundliche Arbeits- und Förderkreis Kemnath und Umgebung e. V. (HAK) und der Seitengestalter keine Gewähr und für etwaige Folgen, die sich aus der Nutzung unserer Seiten ergeben könnten, keine Haftung.
Mit ... oder (L) gekennzeichnete Querverweise ("Links") führen zu fremden Internet-Angeboten, deren Inhalt und Gestaltung nicht vom HAK oder vom Seitengestalter verantwortet werden. Eine Gewähr für die Gesetzesmäßigkeit und die inhaltliche Richtigkeit und Vollständigkeit dieser verlinkten fremden Angebote oder eine Haftung für etwaige Folgen, die sich aus der Nutzung dieser verlinkten fremden Angebote ergeben könnten, kann vom HAK oder vom Seitengestalter nicht übernommen werden. Von etwaigen gesetzeswidrigen, anstößigen oder irreführenden Inhalten verlinkter fremder Angebote distanzieren wir uns. Beachten Sie die ausführlichen Hinweise im Impressum.